Emmy Falck-Ettlinger: Vor 75 Jahren verschleppten ...

Emmy Falck-Ettlinger:
Lübeck 1882 - 22. Oktober 1940 Karlsruhe - Gurs

Vor 75 Jahren verschleppen die Nazis eine frühere Schülerin
des Ernestinen-Gymnasiums in das Lager Gurs in Südfrankreich,
die "Vorhölle von Auschwitz".

"Es war kalt im Winter und der Wind blies durch die Fugen und die Ritzen, der Regen rieselte durch das Dach, wenn auch aufgespannte, aufgehängte Regenschirme einen kleinen Schutz gaben. Wir zogen alle unsere Kleidungsstücke übereinander an, ehe wir uns in die Decken einwickelten… Und wie hatten wir geschlafen? Zuerst nur mit unserer Decke auf dem Fußboden, dann auf Stroh, dem ein Strohsack folgte. So lag ich lange, bis es mir gelang, zwei leere Orangenkisten zu erstehen, eine dritte war nicht zu haben. Sie hatten den Vorteil, dass die Rattenplage für mich geringer wurde, den Nachteil, dass die Fläche zu kurz war und der Zwischenraum eine große Unbequemlichkeit bildete…", so beschreibt Emmy Falck-Ettlinger aus Karlsruhe die Zustände im südfranzösischen Internierungslager Gurs Ende 1940. Sie ist am 22. Oktober 1940 unter den 905 Menschen aus Karlsruhe und Grötzingen bzw. 5593 aus ganz Baden, die der Nazi-Gauleiter Robert Wagner ins Ungewisse verschleppen lässt. Wochen später kommen weitere 40 Deportierte, die im Oktober nicht transportfähig bzw. nicht in Karlsruhe waren, im Lager Gurs an. Nur 345 der 945 aus Karlsruhe Vertriebenen überleben den Nazi-Terror.

Emmy Falck-Ettlinger ist 1882 in Lübeck geboren. Sie verbringt hier ihre Kindheit und Jugend in der Altstadt in der Mengstraße und besucht das Ernestinen-Gymnasium. Anschließend studiert sie an der Kunstgewerbeschule in Berlin, wo sie ihren späteren Mann kennenlernt. Die ausgebildete Zeichnerin und Malerin ist zum Zeitpunkt der Deportation aus Karlsruhe 58 Jahre alt. Ihr Mann Max Ettlinger, Ingenieur in Karlsruhe und Teilhaber der Leder-Firma Hermann und Ettlinger in Durlach, war 1927 an den Spätfolgen einer Verletzung im 1. Weltkrieg gestorben.

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Familie Ettlinger-Falck in Karlsruhe vor 1927:
von links Hannah, Therese, Max, Leopold und Emmy Ettlinger geb. Falck (Foto: Peter Mansbacher, Sohn von Emmy Ettlingers jüngster Schwester Juliane Mansbacher, geb. Falk, der durch einen Kindertransport nach Großbritannien gerettet wurde)

Ihre Tochter Therese ist verheiratet, hat ein Kind und plant die Flucht nach Palästina. Dies beabsichtigt auch die jüngere Tochter Hannah. Ihr Sohn Leopold arbeitet in Zürich, ist verheiratet und wird zu ihrer nahezu einzigen Kontaktperson aus dem Lager Gurs heraus, denn mit der Schweiz ist ein Postverkehr noch einigermaßen möglich. Im ersten Brief berichtet sie von unvorstellbarem Morast im Lager, ausgelöst durch anhaltende Regenfälle, sowie von Kälte und von einem Mangel an Gebrauchsgegenständen jeglicher Art. Sie bittet um warme Kleidung, ein Paar alte Skischuhe, Briefpapier und Umschläge. Sie lässt sich Zeichenstifte, Material zum Aquarellieren und Papier schicken und hält in kleinen Zeichnungen den Alltag im Lager fest, vor allem die Baracken und ihre Bewohner, gelegentlich auch die Pyrenäen-Landschaft. Im nächsten Brief schreibt sie, sie sei froh um ein Dach über dem Kopf, ertrage alles gut und sei in Stimmung. Sie sieht die unhygienischen Zustände, die mangelhafte Ernährung und die fehlende medizinische Betreuung. In einer Skizze hält sie den Grabstein für Rolf Maas fest, einen der über 1000 Lagerinsassen, die im Winter 1940/41 sterben. Er war der Ehemann ihrer Schwägerin, der Schwester ihres verstorbenen Ehemanns, und gehörte zu den 15 Bewohnern des gettoisierten Hauses am Haydnplatz 6 in Karlsruhe, die mit ihr ins Lager Gurs verschleppt worden waren. Trotz des Elends schreibt sie im Februar 1941: "Seid beruhigt, mir geht es gut. Wenn es eine Liste gäbe von denjenigen, die es hier am besten ertragen, würde ich vorne dran stehen."

Aber bald nach diesem Brief wird sie wegen eines Knotens von der Größe einer Erbse im Brustbereich im April 1941 ins Krankenhaus in Pau eingewiesen. Die Diagnose heißt Brustkrebs. Schon allein das Schlafen in einem Bett anstatt in Kisten, die mit Stroh gefüllt sind, bedeutet die Rückkehr in die Zivilisation. Nach der Operation treten Schwierigkeiten auf, sodass sie erst im September geheilt ins Lager zurückgeschickt wird.

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Baracken im Internierungslager Gurs am Nordrand der Pyrenäen, die Bettstatt bestand im Winter 1940/41 aus Strohschütte auf blankem Boden, hinten die Baracke des Schweizer Roten Kreuzes (Zeichnung von Emmy Ettlinger aus Karlsruhe)

Statt des Morastes sieht sie im Spätsommer 1941 Blumen zwischen den Baracken, jemand hat sogar Gemüse angepflanzt. Helferinnen internationaler Organisationen und Spenden für Medikamente, Zusatznahrung, Kleidung, Musikinstrumente und Bücher lindern nicht nur die materielle Not, sondern ermöglichen ein kulturelles Leben, das die Widerstandsfähigkeit der Lagerinsassen stärkt. Es gibt Vorträge und Konzerte namhafter Künstler. Emmy Ettlinger belegt Kurse in Englisch, Gesang und Plakatschrift und beginnt wieder zu malen: Optimismus und künstlerische Betätigung sind ihre Überlebensstrategie. Neben der Freude über die Genesung und das kulturelle Angebot ist sie sich jedoch bewusst, wie ernst es um Menschen steht, die wegen ihres Gesundheitszustandes und Alters unter den Strapazen leiden. Groß ist die Betroffenheit, wenn es um Bekannte oder Verwandte aus Karlsruhe geht, wie Ende Oktober 1941 beim Tod von Berta Hemmerdinger, der Schwiegermutter ihrer Tochter Therese.

Organisationen wie dem protestantischen Hilfswerk CIMADE, der Schweizer Hilfe, der Kinderhilfe OSE und den Quäkern gelingt es im Frühjahr und Sommer 1941, die Kinder und Jugendlichen aus dem Lager heraus und in französischen Kinderheimen oder Waisenhäusern unterzubringen.

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Blick in eine Baracke im Lager Gurs nach der Deportation am 22. Oktober 1940:
Internierte Frauen frierend beim Lesen (Zeichnung von Emmy Ettlinger aus Karlsruhe)

Im November 1941 erreichen Hilfsorganisationen, dass fast 60 ältere Personen das Lager Gurs verlassen können. Sie finden Aufnahme in einem Heim in Chansaye nördlich von Lyon. Alexandre Glasberg, ein katholischer Geistlicher jüdischer Herkunft aus der Ukraine, hatte mit Zustimmung des Erzbischofs von Lyon von der Vichy-Regierung die Erlaubnis zur Eröffnung des Heims erhalten – wohl nur deswegen, weil die Regierung nun nicht mehr für die Internierten aufkommen muss. Glasberg eröffnet weitere ähnliche Heime und leistet ab 1943 auch Fluchthilfe in die Schweiz. 2004 ehrt ihn Yad Vashem für die Rettung verfolgter jüdischer Menschen als "Gerechter unter den Völkern".

Emmy Ettlinger ist glücklich, aus dem Lager heraus zu kommen und darüber, dass sie mit ihrer Freundin Martha Stern ein eigenes Zimmer erhält. Die Heimbewohner sind auf Unterstützung von außen angewiesen. Eine Entlassung aus dem Lager wäre ohne die Zusicherung der Finanzierung des Aufenthalts durch ihren Sohn und durch den Onkel seiner Frau, den Mathematikprofessor Heinz Hopf an der ETH Zürich, nicht möglich gewesen. Es herrschen Einschränkungen: Einkäufe sind verboten und die Freizügigkeit der Heimbewohner ist begrenzt. Auch in Chansaye erhält Emmy Ettlinger Post von ihrem Sohn: Tochter Hannah, inzwischen nach Palästina gelangt und verheiratet, erwarte ein Kind. Über ihre ältere Tochter Therese herrscht Ungewissheit: Sie befinde sich mit ihrem kleinen Sohn Uri in der Nähe von Berlin. Besondere Sorgen macht sich Emmy Ettlinger um ihre betagte Mutter und die jüngste Schwester, die nach Theresienstadt deportiert worden waren. Ein Jahr verrinnt zwischen alltäglichen Verrichtungen im Haushalt und der Sorge um Tochter, Mutter und Schwester.

Anfang September 1942 wird ihr Sohn durch eine Zeitungsnotiz auf erste Deportationen von Juden auch aus dem nicht besetzten Teil Frankreichs nach Osten alarmiert. Sofort am 13. September stellt er bei der Schweizer Fremdenpolizei einen Antrag auf Einreiseerlaubnis für seine Mutter. Die erforderliche Kaution von 5 000 Franken zahlen Professor Heinz Hopf und weitere Bekannte. Einen Tag später erfährt Leopold, dass seine Mutter tatsächlich in ein Sammellager in Villeurbanne bei Lyon gebracht worden war. Mit Hilfe von Leopolds Chef, Professor Ernst Gäumann, gelingt es, dass der sozialdemokratische Züricher Stadtpräsident Ernst Nobs schon am 16. September das Gesuch an den Polizeivorstand der Stadt Zürich weitergibt.

Nach dem Eintreffen der telegrafischen Nachricht, für Emmy Ettlinger sei ein Antrag auf Einreise in die Schweiz gestellt worden, kann sie am 17. September nach Chansaye zurückkehren. Wie sie in einem Dankesbrief an Heinz Hopf schreibt, wäre sie einige Stunden später verloren gewesen. Das Gesuch wird später von der Schweizer Fremdenpolizei abgelehnt. Auch misslingt der Versuch ihres Sohnes, sie mit Schleppern in die Schweiz bringen zu lassen.

So verbringt sie noch drei Jahre im Heim in Chansaye, getrennt zwar von ihrer Familie, aber mit dem Gefühl, verhältnismäßig sicher zu sein. Von Leopold erfährt sie von Enkeln bei Hannah und bei ihm selbst. Glücklich ist sie über die Mitteilung, der Ehemann der Tochter Therese sei im Herbst 1942 in Palästina eingetroffen. Als im Juli 1944 die Tochter Therese selbst mit ihrem Sohn Uri im Austausch gegen deutsche Templer ebenfalls nach Palästina gelangt, ist die Freude groß. Traurig macht sie dagegen die Nachricht vom Tod ihrer 87 Jahre alten Mutter Margarethe Falck Ende 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. Dorther erhält sie noch einzelne Lebenszeichen ihrer jüngsten Schwester Juliana. Von deren Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz erfährt sie erst 1945.

Die Schweizer Fremdenpolizei lehnt erneute Einreisegesuche ab mit der Begründung, die Zureise von Emigranten sei zur Zeit nicht erwünscht. Erst im Oktober 1945 kann Emmy Ettlinger in die Schweiz zur Familie ihres Sohnes. Sie führt den Haushalt, der sich 1946 um einen Enkel vergrößert, und erleichtert so ihrem Sohn und seiner Frau die Ausübung ihrer Berufe. Daneben absolviert sie einen Webkurs und beginnt, künstlerisch in diesem neuen Bereich zu arbeiten.

Nach der Gründung des Staates Israel 1948 reist sie zu ihren Töchtern. Ab 1949 wohnt sie zuerst bei Therese in der Nähe von Tel Aviv, dann zieht sie zu Hannah in den Kibbuz Bet Haschitta südöstlich von Nazareth. Sie ist aufgehoben in der Gemeinschaft, bei Menschen ihres Alters und bei den Familien ihrer Töchter. Sie ist weiter mit Zeichenstift und Pinsel tätig, malt Stillleben und Landschaftsbilder, portraitiert und webt. Manchmal spielt sie, wie schon im Lager Gurs und in Chansaye, bei kleinen Theaterstücken mit. So erlebt sie zufriedenstellende späte Jahre.

Sie stirbt am 31. März 1960 in ihrer neuen Heimat.

Peter Ettlinger (Stein AR/Schweiz),
Brigitte und Gerhard Brändle (Karlsruhe)

Verwandte von Emmy Ettlinger-Falck in und aus Lübeck 1933 – 1945

Mutter Margarethe Falck: tot im Konzentrationslager Theresienstadt
Schwester Alice Wrescher: tot im Konzentrationslager Riga
Schwester Gertrud Fürst: Vernichtungslager Auschwitz, überlebt
Gertruds Ehemann Henry: tot im Vernichtungslager Auschwitz
Schwester Juliana Mansbacher: tot im Vernichtungslager Auschwitz
Schwester Magda Falck: tot im Vernichtungslager Treblinka
Schwester Therese Mecklenburger: tot im Vernichtungslager Auschwitz
Thereses Ehemann Herbert: tot im Lager Gurs
Thereses Tochter Hanna: tot im Vernichtungslager Auschwitz
Thereses Sohn Hermann: tot im Vernichtungslager Auschwitz

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